Phil. Prof. Niklas Luhmann

Prof. Niklas Luhmann 1996
Universität Bielefeld

Weltredeskription durch Forschung

Auszug aus der Untersuchung Entscheidungen, über Dieter W. Liedtke's Kunst und seinem Konzept zur Kunstausstellung art open.

Er modifiziert und löst den Rahmen bekannter Theorien auf. Seine neuen wissenschaftlichen Theorien sind zugleich Bedingung und Produkt ihres eigenen Operierens.
... Man könnte an eine evolutionäre Errungenschaft denken, die wenn einmal erfunden und eingeführt, sich selbst ermöglicht. Überträgt man dieses Ergebnis auf das System der modernen Gesellschaft, die ihre Strukturen durch Entscheidungen in Kraft und außer Kraft setzt, dann sieht man ein Ergebnis von Evolution.

Die bisher eindrucksvollsten in der Gesellschaft beobachteten und gepflegten Neubeschreibungen findet man in der kopernikanischen Revolution und noch radikaler, in den Makro- und Mikrodimensionen der modernen Physik. Aber dieser Wandel von Ansichten wird als Resultat wissenschaftlicher Forschung präsentiert, dem man sich zu fügen hat, weil es die Wahrheit ist. Dass die Gesellschaft selbst solche Forschungen, deren Publikation und Akzeptanz ermöglicht, bleibt dabei unberücksichtigt. Offensichtlich spielt eine Rolle, dass die Forschung nicht mehr auf Fortschreibung einer religiös begründeten Weltthese verpflichtet ist.

Aber liegt darin eine ausreichende Perspektive für das nächste Jahrtausend oder für die Fortsetzung der Weltredeskription? Oder: wie kann die Gesellschaft darauf reagieren, dass die Wissenschaft selbst sich auf eine pragmatische Methodenwahl und eine konstruktivistische Erkenntnistheorie eingelassen hat? Neubeschreibungen zu liefern, ist sicher eine Sache der Wissenschaft, die mit dem Vorschlag neuer Problemlösungen, aber auch mit der Einsicht in die Unlösbarkeit von Problemen, die Probleme selbst verändert. Außerdem wird man an die Massenmedien zu denken haben, die mit ständig neuen Informationen die Möglichkeiten des Rückblicks auf Vergangenes ändern. Vor allem aber dient die Dichtung dazu, Vergangenes dem Vergessen zu entreißen und es so vorzustellen, dass es neu beschrieben werden kann aletheia im ursprünglichen Sinne.

Wie kann aber all dies vor sich gehen, wenn die Welt selbst sich ständig durch Entscheidungen erneuert. Neben den klassischen, auf aletheia abzielenden Neubeschreibungen, treten jetzt andere Formen der Kommunikation auf, die Informationen über Entscheidungen erzeugen. Die Gesellschaft erneuert sich selbst und das Problem ist nur, wie die Kommunikation da mithalten, wie sie die Gesellschaft selbst auf dem Laufenden halten kann. Sicher muss eine Gesellschaft, die sich selbst durch Entscheidungen ständig erneuert, als ein System begriffen werden, das eigene Ungewissheit selbst erzeugt. Man weiß nicht im Voraus, wie die nächsten politischen Wahlen ausgehen, ob und wo die Geldfluktuationen der internationalen Finanzmärkte zur Investition führen oder wer wen heiraten wird. Eine Welt, die dies zu verkraften hat, kann wohl nur als eine Einheit begriffen werden, die sich in der Zeit realisiert und dabei ständig eine neue, noch offene Zukunft erzeugt. So gesehen gibt es eine Isomorphie zwischen einer über sich selbst entscheidenden Gesellschaft und einer zukunftsoffenen Welt, deren gegenwärtiger Zustand, deren geronnene Vergangenheit nicht festlegt was auf uns zukommt.

Diese Weltlage zeichnet sich in einer Anzahl von Begriffen ab, mit denen die Gesellschaft gegenwärtig arbeitet, um sich darauf einzustellen. Man spricht von Risiko und Risikokalkulation oder von Innovation und Kreativität, um gegenwärtig schon Voraussetzungen für möglichst viele, verschiedenartige Zukunftsentwicklungen zu schaffen. Man macht sich Mut und sicher wäre Nichtstun und Abwarten keine Lösung des Problems.

Man muss Tatsachen erzeugen, um im Rückblick auf sie verstehen zu können, was unter eigener Mitwirkung geschehen ist. Das bedeutet, dass die Welt nicht mehr als Gesamtbestand der (sichtbaren und unsichtbaren) Dinge, nicht mehr als Universitas Rerum begriffen werden kann. Der Begriff der Welt wird zu einem Korrelatbegriff des Entscheidens und die Einschränkungen der Entscheidungsmöglichkeiten sind mehr durch ihre eigene Geschichte als durch die unberührt gelassene Welt gegeben. Eben deshalb hat die Literatur (und man könnte hinzufügen: die Wissenschaft) die bereits genannte Funktion, das Gedächtnis zu erweitern. Ferner muss die Welt, wenn sie Entscheidungen zulässt, anerkennen, dass die Zeit dadurch irreversibel wird (denn die Differenz von Vergangenheit und Zukunft wird ständig erneuert) und dass dies durch Ereignisse geschieht, die Sinn manifestieren, obwohl sie keinen Bestand haben und mit ihrem Auftauchen schon wieder abtauchen.

Es entsteht so eine im strengen Sinne geschichtliche Welt, die ihre Dynamik nicht besonderen Kräften (energia) verdankt, sondern der Instabilität ihrer elementaren Komponenten. Das kann nur eine Welt sein, die keinen Halt mehr gibt. Die Beobachtung der Welt wird dadurch zurück gelenkt auf das, was geschehen ist und eben deshalb, weil es als Ereignis geschehen ist, nicht mehr geändert werden kann. Umso stärker akzentuiert diese Weltbeschreibung die Zukunft, in deren Unbekanntsein sich Möglichkeiten verbergen, für (oder genauer) deren Realisierung man sich entscheiden kann.

Liedtke-Museum in Port d‘Andratx

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